Lehrende:
Sinah Mielich
Veranstaltungsart:
Seminar
Anzeige im Stundenplan:
Ernstfall Frieden
Unterrichtssprache:
Deutsch
Min. | Max. Teilnehmerzahl:
5 | 30
Weitere Informationen:
Die Angabe der Credits bezieht sich auf die Zahl der Leistungspunkte, die erworben werden können, wenn die Veranstaltung im Kontext des Wahlbereichs besucht wird. Im Rahmen eines Moduls gelten die Vorgaben des entsprechenden Moduls!
Kommentare/ Inhalte:
„Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -tradition zu machen.Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden. [...] Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, nicht Panzer und Geschosse. Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten.“(Albert Einstein, „Für einen militanten Pazifismus“, 1932)
Krieg ist die Negation von Entwicklung und Fortschritt. Das Engagement für Gleichheit, Frieden und Demokratie und damit gegen Krieg und Militarismus durchzieht vor diesem Hintergrund die Geschichte der Menschheit, nahm mit der Herausbildung der Arbeiterbewegung eine neue Qualität an und setzte damit auch in der Pädagogik Maßstäbe. Exemplarisch stehen dafür das Engagement der österreichischen Schriftstellerin und Friedensforscherin Bertha von Suttner, die 1892 die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG, heute DFG-VK) mitbegründete, das der amerikanischen Pionierin der Gemeinwesenarbeit Jane Addams, die parallel zu ihrem Engagement in der Settlement-Bewegung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch die Women's International League for Peace and Freedom gründete (vgl. Addams 1915), die Aktivitäten der Arbeiterjugendbewegung im Deutschen Reich Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vgl. Falkenberg et al. 1973), die Ohne Uns-Bewegung der 1950er Jahre in der jungen BRD (vgl. Neuber 2015), die sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik richtete und die Studentenbewegung („1968“), die den Protest gegen den Vietnam-Krieg mit einem emanzipatorischen Aufbruch verband.
Gegenwärtig wird wieder Krieg vorbereitet: Von der Grundgesetzänderung für Aufrüstung jenseits der Schuldenbremse Anfang des Jahres bis zur jüngsten Vereinbarung der NATO-Mitgliedsstaaten, im Zuge des von US-Präsident Trump ausgegebenen Ziels 5% ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP) für Aufrüstung zu verwenden – also perspektivisch die Hälfte des Bundeshaushalts für Militär auszugeben. Die bundesdeutsche Gesellschaft soll, so Verteidigungsminister Pistorius, bis 2029 „kriegstüchtig“ gemacht werden, um so vermeintlich den Frieden zu sichern. Da zu erwarten ist, dass die angestrebte Zahl von 460.000 Soldaten durch freiwillige Rekruten nicht zu erreichen ist, wird über die Einführung eines verpflichtenden Zwangsdienstes diskutiert. Die Indienstnahme auch ziviler Bereiche, wie Krankenhäuser, Behörden, Schulen und Universitäten in den militärischen Apparat wird bereits bundesweit unter dem Deckmantel von Katastrophenschutz und Zivilschutzübungen eingeleitet.
Da „Krieg, Friedlosigkeit, Gewaltsamkeit [und] Unfrieden zwar Begleitmomente der bisherigen Gesellschaftsgeschichte der menschlichen Gattung gewesen sind, aber nicht notwendig in der Beschaffenheit der menschlichen Sozialnatur verankert sind“ (Bernhard 2017: 13), spielt das Erziehungs- und Bildungssystem in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind die Adressat:innen der zunehmend aggressiver werdenden Werbung der Bundeswehr. Wenn sie NEIN sagen zu „Kriegstüchtigkeit“ und Wehrdienst, ist der Krieg nicht ohne Weiteres durchzuführen.
In der lebendigen Geschichte der Kriegsdienstverweigerung und im Widerstand gegen politische Entscheidungen, die die (auch geistige) Mobilmachung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zum Ziel haben, ist die Entwicklung von Friedensfähigkeit bereits angelegt. Mit dem Seminar soll zu einer Stärkung von Friedensbefürwortung in den verschiedenen pädagogischen/gesellschaftlichen Bereichen beigetragen werden. Es knüpft an das „Projektstudium: Uni in gesellschaftlicher Verantwortung“ mit dem Titel „Frieden ist der Ernstfall – Perspektiven kritischer Friedenspädagogik“ im Sommersemester 2025 an. Im ersten Semester haben wir uns mit der Geschichte der Wiederaufrüstung und der Einführung der Bundeswehr beschäftigt sowie mit dem Theorieansatz der kritischen Friedenspädagogik, der in den 1970er Jahren entwickelt wurde. Im Wintersemester 25/26 soll anhand eines Projektes ein kritischer Praxisbezug hergestellt werden.
Vorgehen:
Unter dem Motto „Kriegstüchtigkeit vs. Friedensfähigkeit am Beispiel der Wehrpflicht und der Kriegsdienstverweigerung“ ist das Seminar in drei inhaltliche Blöcke gegliedert, in denen wir gemeinsam recherchieren, diskutieren und Ableitungen für die persönliche Haltung und pädagogische Arbeit ziehen wollen.
In Block 1 beschäftigen wir uns mit der Geschichte der Kriegsdienstverweigerung, die durch antimilitaristische Aktivitäten und kulturelle Widerständigkeit eine starke Verankerung im außerschulischen Bereich hat.
In Block 2 setzen wir uns mit dem aktuellen Stand der Einführung von Wehrpflicht und Zwangsdiensten sowie den Kämpfen dagegen auseinander. Klären wollen wir dabei auch, wie Kinder und Jugendliche gegenwärtig zur Wehrpflicht stehen.
In Block 3 soll beraten und diskutiert werden, wie Friedensbefürwortung gestärkt und Friedensfähigkeit im pädagogischen Bereich entwickelt werden kann. In welcher Form wir das tun, entscheiden wir gemeinsam.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen an Seminar II teilzunehmen. Die Teilnahme an Seminar I ist keine Voraussetzung dafür.Bei Fragen meldet euch gerne bei Sinah: Sinah.Mielich@uni-hamburg.de
Literatur:
Addams, Jane (1915): Die Auflehnung gegen den Krieg, in: Neue Wege: Beiträge zu Religion und Sozialismus, Band 9, Heft 11, DOI: https://doi.org/10.5169/seals-133570
Deppe, Frank et al. (1982): Friedensbewegung und Arbeiterbewegung. Wolfgang Abendroth im Gespräch, Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft
Falkenberg, R., Ferchland, B., Jahnke, K. H., Lamprecht, W., Pietschmann, H. & Schol-
ze, S. (=Autorenkollektiv) (1973): Geschichte der deutschen Arbeiterjugendbewegung
1904-1945, Dortmund: Weltkreis-Verlags-GmbH
Liebknecht, Karl (2022): Militarismus und Antimilitarismus. Unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung, Berlin: Manifest Verlag
Neuber, Arno (2015): Der Kampf gegen die Remilitarisierung der BRD, in: IMI-Analyse 2015/033, https://www.imi-online.de/2015/11/09/der-kampf-gegen-die-remilitarisierung-der-brd